Classroom Management: Brettspiele in der Schule

Einfach mal machen, dachte er. Packte eine Kiste mit tollen Spielen und beglückte seine Klasse damit… die folgenden 45 Minuten wurden die längsten seines Lebens.

Oft gehen spielebegeisterte Lehrerinen und Lehrer mit viel Freude daran, ihr Hobby in die Schule zu tragen. Oft aber ist es dann gar kein so gutes Erlebnis, was daraus resultiert. Im schlimmsten Fall endet das so schön Gedachte im Chaos und wird abgebrochen. Schwierig wird es auch oft, wenn Kolleginnen und Kollegen das gar nicht aus Begeisterung machen, sondern weil sie gehört haben, das soll so gut funktionieren und das tut es dann gar nicht.

Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ich mit Freunden oder der Familie am Tisch sitze oder versuche eine ganze Klasse zum Spielen zu bringen. Dafür gibt es ein paar Tipps & Tricks, die, wenn man sie beachtet, dazu führen, dass das Spielen in der Schule – egal, ob nun in einer AG oder im Unterricht – für alle zu einer guten, bereichernden Erfahrung werden kann.

Die folgende Liste ist nicht abschließend, sondern nurmehr eine erste Ideensammlung, die gerne in den Kommentaren ergänzt und erweitert werden darf.

  1. „Nenn es nicht „Spiel“! Ok, der erste Tipp bezieht sich nur auf den Unterricht und den Einsatz von Spielen zum Lernen. Viele Schülerinnen und Schüler kennen Spiele in der Schule maximal aus den letzten Stunden vor den Ferien – wo gespielt wird „statt zu lernen“ (was für ein Quatsch! – als ob das ein Gegensatz wäre und sich ausschließen würde, aber ist leider so in der Wahrnehmung und Kommunikation in vielen weiterführenden Schulen). Wer Brett- und Kartenspiele gezielt zum Lernen nutzen möchte, weckt daher mit der Ankündigung, ein Spiel mitgebracht zu haben, vermutlich falsche Erwartungen. Außerdem: Niemand (ich hoffe, niemand) würde sagen „Ich hab euch mal eine spannende Kopie mitgebracht!“. Gleiches gilt übrigens auch für das Gespräch mit den Kolleg:innen. Besser: Ich hab da was Tolles zum Thema XY, als ich hab da ein schönes Arbeitsblatt oder gar ich hab da ein „Spiel“ 😉
  2. Eine Herausforderung analoger Spiele sind die Regeln. Wer wenig spielt, wird auch bei relativ einfachen Spielen Probleme haben, die Regeln richtig zu erfassen und umzusetzen. Es ist also eine eher schlechte Idee, Brett- und Kartenspiele in die Schule mitzubringen und die Kinder und Jugendlichen mit den Spielen allein zu lassen. Das dürfte in den meisten Fällen eine frustrierende Überforderung darstellen, die in entsprechende Unruhe, Ablehnung und Protestverhalten umschlagen kann. Was sind die Alternativen?
    • Auf jeden Fall Spiele auswählen, die zum Alter der Schüler:innen, ihren Spielerfahrungen und zum zeitlichen Rahmen passen und dann…
    • Ein Spiel im Klassensatz mitbringen, also in der Regel bei Spielen für 4-5 Personen sind das 6-8 Exemplare. Als Lehrer:in sollte ich das Spiel kennen und erklären können. Das kann ich vorab im Plenum machen, ggf. unterstützt durch eine PowerPoint mit Abbildungen und den wichtigsten Regeln oder einer Dokumentenkamera, um Ausschnitte der Anleitung oder das Spielmaterial zu zeigen. Die Anleitungen dienen dann an den Tischen zum Nachschlagen bei Fragen oder Regelunsicherheiten. Reicht das nicht, helfe ich als Lehrer:in der Gruppe.
    • Spiele, die mit der gesamten Gruppe gespielt werden können, für die also auch die Regeln gemeinsam erklärt und die gemeinsam ausprobiert werden können. Beispiele für moderne und aktuelle Spiele, die gut mit der gesamten Klasse gemeinsam gespielt werden können sind z.B. Just One, das Kneipenquiz oder irgendein Roll/Flip&Write-Spiele mit Hilfe einer Dokumentenkamera wie z.B. Second Chance (vielen Dank für den Tipp an Martina Fuchs!)
    • Mittel- oder langfristig ist die Unterstützung von spieleerfahrenen Schülerinnen und Schülern auch eine tolle Möglichkeit, dass diese für ihre Mitschüler:innen Spiele erklären, sei es weil sie diese aus der schulischen Brettspiel-AG, von Zuhause kennen oder sich aufgrund ihrer größeren Spielerfahrungen Regeln besser erarbeiten und diese anderen gut erklären können.
  3. Wichtig sind auch gute Planung und Zeitmanagement: Die Spieldauer variiert von Spiel zu Spiel und von Gruppe zu Gruppe. Beim Spielen mit der gesamten Klasse tritt das Problem nicht auf. Bei unterschiedlichen Spielen oder demselben Spiel in unterschiedlichen Gruppen kann es zu großen Unterschieden kommen. Hier ist vorne weg zu überlegen, wie sich damit umgehen lässt. In jedem Fall ist ausreichend Zeit einzuplanen. Je nach Spiel, lässt sich für alle Gruppen ein gemeinsamer Zeitrahmen finden, ggf. auch als ergänzende „Hausregel“. Einige Spiele, wie z.B. Just One, lassen sich flexibel rhythmisieren. Je nach zur Verfügung stehender Zeit kann die Anzahl der zu erratenden Begriffe einfach angepasst werden. Außerdem ist die zur Verfügung stehenden Zeit (1 oder 2 Unterrichtsstunden oder mehr?) mit der Zeit für Regelerklärung und eine (meist etwas länger als auf der Schachtel angegeben dauernde Erst-) Partie bei der Auswahl der Spiele zu berücksichtigen.
  4. Sinnvoll ist es, Regeln und Verantwortlichkeiten der Schüler/innen explizit zu vereinbaren: Das betrifft das Ausleihen sowie den sorgfältigen Umgang, das Ein-/Auspacken der Spielmaterialien. Z.B. sollte ein Spiel immer erst ordentlich wieder verpackt werden, bevor ein neues zum Spielen ausgeliehen wird. Da es bei Spielen auch relativ laut werden kann und die Schüler:innen im besten Fall ganz in das Spielerlebnis eintauchen, ist es zudem ratsam, z.B. ein akustisches Signal vorzubereiten, eventuell auch einen Timer über einen Projektor oder eine interaktive Tafel mitlaufen zu lassen, um das Ende einer Spielphase oder der Spielzeit für alle Gruppen eindeutig zu markieren, wenn dies nicht mit dem Ende der Unterrichtsstunde zusammenfällt.
  5. Ingesamt bieten Spiele die Chance eine hohe Aktivierung und Selbstständigkeit der Schüler:innen zu ermöglichen. Diese Chance sollte genutzt werden, um den Schüler:innen so viel Autonomie und selbst organisierten Raum zu bieten wie möglich. Wie viel Freiraum gewährt werden kann, hängt an den oben genannten Punkten – dem Alter, der Erfahrung mit Spielen, dem Einhalten der Regeln usw. Ein wichtiger Punkt dabei ist – wie im sonstigen Unterricht – auch auf eine geeignete Zusammensetzung der Gruppen an den Spieletischen zu achten.
  6. Wie aus den vorangehenden Punkte deutlich wird, sind Spiele in der Schule kein „Selbstläufer“. Daher ist es hilfreich, im Sinne eines guten Classroom Managements passend für die jeweilige Gruppe vorab sowohl Strategien zur positiven Unterstützung wie auch für potentielle Probleme (z.B. zu große Unruhe, Weigerung mitzuspielen, emotionale „Ausraster“ am Spieletisch) zu überlegen.
  7. Abschließend: Werden Spiele gezielt als Medien für Lernprozessen eingesetzt, benötigt es immer eine Reflexionsphase oder Nachbesprechung nach dem Spiel (siehe auch oben der Hinweis zur akustischen Markierung von Phasen). Dieses Gespräch sollte eine sinnvolle Einordnung des Spielerlebnisses im Hinblick auf den Lerngegenstand ermöglichen, wie z.B. unterschiedliche Spielverläufe, Handlungsmotivation oder -spielräume, und muss in der Zeitplanung vorab Berücksichtigung finden.
  8. …?

Gibt es weitere Punkte, Regeln oder Ideen, die ihr aus eurer Erfahrungen mit Spielen im Unterricht ergänzen möchtet?

Ein Kommentar zu „Classroom Management: Brettspiele in der Schule

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